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„Die Liebe im Detail eines perfekten Kits hingegen ist die Kunst“ – Interview mit Latro

Das Thema „Reenactment“ ist eine wichtige Sparte bei Airsoft. Oder ist das überhaupt nicht mehr Airsoft? Gear sammeln und ausschauen wie die Echten? Gute Fotos machen und eine hohe Netzpräsenz haben? Gegenüber den letzten Jahren scheint die Reenactor Szene kleiner geworden zu sein, aber sie schraubt sich in hohe Sammlerhöhen: so echt wie möglich. Und trotzdem nur die Nachbildung. Wir haben mit „Latro“ aus dem Development Team Six Group IV gesprochen. Bereits seit mehreren Jahren betreibt er sein Reenactment und war auch einer der wenigen U-18 Reenactor.

Airsoft News Channel: Wie kamst du zum Thema Reenactment?
Latro: Ich denke auf einem ähnlichen Weg wie die meisten: Vor einigen Jahren habe ich den amerikanischen Youtuber „SpecialOpsM4“ entdeckt, ein damaliges Mitglied der amerikanischen Development Team Six Group III. Die von ihm präsentierten Kits haben mich fasziniert, und so habe ich mir meinen ersten TMC 6094A in AOR1 gekauft – ein schreckliches Teil – und eine Gear aufgebaut, von der ich dachte, dass sie SEALig sei.
Jetzt kann ich darüber nur lachen, denn erstens waren SpecialOpsM4s Videos einfach nur falsch und schlecht gemacht, zweitens war ich selbst einer dieser TMC-Warrior, für die ich heute gar nichts übrig habe, doch dazu später mehr.

Mit der Zeit sind die Ansprüche (leider) exponentiell gestiegen und ich wurde zum Perfetkionisten. Lange Zeit traute ich mich nicht mehr, Bilder zu veröffentlichen oder mein Kit zu präsentieren, da Details fehlten. Mit einigen Freunden ging es so von Team zu Team, bis wir schließlich Anschluss im Devt6 fanden – ein kleiner Traum wurde wahr, mein ehemaliges Idol SpecialOpsM4 ist ja ebenfalls Mitglied. Nun, er war es zumindest, nach ein paar Betrugssachen wurde Chad rausgeschmissen, aber darum soll es hier nicht gehen.
Mittlerweile habe ich gemeinsam mit ein paar guten Freunden meinen Platz in der Devt6 Group IV gefunden, habe reprofreie und korrekte Kits – und bin immernoch unzufrieden. Aber die Hoffnung, dass sich das je ändert, habe ich schon längst aufgegeben.

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Airsoft News Channel: Was ist für dich das wichtigste beim Reenactment?
Latro: Das wichtigste ist, wie bei jedem Hobby, der Spaß. Zugegebenermaßen, manchmal wünscht man sich, alles an den Nagel zu hängen und sich einen Sportwagen von dem Geld zu kaufen, aber wenn man dann mit guten Freunden auf einer stimmigen Milsim OP beim Sonnenaufgang ein MRE verspeist oder nach dem Posten von Bildern positive Resonanz von den richtigen Leuten bekommt, ist das auch ein verdammt schönes Gefühl.
Ansonsten sollte man sich selbst und das Reenactment nicht zu ernst nehmen, auch wenn ich den letzten Punkt oft selbst nicht einhalte, und wissen, wo die Grenzen liegen. Sowohl moralische Grenzen (etwa das nicht-Tragen von Memorial Patches, Abzeichen die man nicht verdient hat usw) als auch Grenzen bei Zeit und Geld sind wichtig, sonst wird das ganze bald in die Hose gehen.

Airsoft News Channel: Bei den Shoots lauft ihr ja immer vollbepackt herum, würdest du so auch eine OP spielen?
Latro: Prinzipiell ja. Allerdings kommt das drauf an, für schnelle Speedgames habe ich etwa ein anderes, viel leichteres und freies Kit. Für Milsim-Spiele ist es ja teilweise sogar Pflicht, und auch gut machbar. Die Kits sind ja auf die Einsätze der Navy SEALs zugeschnitten, und diese ähneln ja teilweise den Bedingungen bei gutem Milsim.

Airsoft News Channel: Nerven dich nicht selber irgendwann diese AOR1 tragenden Leute?
Latro: Ganz ehrlich? Ja. Die ganzen „TMC-Warrior“ mit ihren -tut mir leid- schlechten Kits nerven enorm.

Zugegebenermaßen ist es etwas ironisch, dass ich das sage, da ich ja selbst meinen Weg zum anständigen Reenactment auf diese Weise gefunden habe. Aber nach ein paar Monaten habe ich dann gemerkt, dass mir eine billige und falsche Gear nicht reicht, und habe beschlossen, da mehr draus zu machen. Als Schüler und mit Eltern, die dem Hobby sehr kritisch gegenüberstehen, war Geld wie für die meisten das größte Problem. Allerdings habe ich beschlossen, wenn ich mein Kit schon nicht durch einen 3000-Euro-Oldgen-6094 auszeichnen kann, will ich es wenigstens auf eine andere Art: und zwar Fehlerfreiheit. Auch das hat natürlich eine gefühlte Ewigkeit gedauert, aber die Perfektion hat bei mir immernoch den höchsten Stellenwert.

Das ist für mich eine Grundvorraussetzung. AOR zu tragen, weil es derzeit cool ist, empfinde ich echt als störend. Das macht vieles kaputt, nicht zuletzt, weil es irgendwie schade ist, wenn jemand mit schlechter, falscher Gear von vielen Airsoftlern hochgejubelt wird. Keiner merkt, dass er eigentlich weit von seinem angeblichen BD-Ziel entfernt ist. Irgendwo empfinde ich das als unfair, auch wenn das jetzt etwas verbittert klingen mag.
Sich zu informieren kostet nichts, jeder mit einem Rechner und Internetzugang kann es machen, und es kann den entscheidenden Unterschied ausmachen. Diesen Tipp gebe ich daher regelmäßig: Lieber eine gute, freie Gear als ein schlechtes Reenactment!

Warum muss jeder ein Pseudo-BD machen? Jede wirklich freie Gear, die etwas durchdacht ist, finde ich tausendmal schöner als ein schlechtes BD. Von der Zweckmäßigkeit beim Airsoft spielen ganz zu schweigen. Und währenddessen kann man sich dann einarbeiten, Repros vergleichen, sparen, streng nach Kitlist kaufen und so Mehrfachkäufe verhindern und enorm Geld sparen, usw.

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Latro Mitte 2013

 

Airsoft News Channel: Was sind deiner Meinung nach die richtigen Vorraussetzungen für ein Reenactment, was muss man mitbringen?
Latro: Das ist schwer zu sagen, zumal sich das auch von Reenactment zu Reenactment unterscheidet. Bei den SEALs spielen ganz andere Dinge eine Rolle als bei Bundeswehr AGA etwa.
Im Fall der SEALs oder allgemein US-Spezialeinheiten würde ich die folgenden Dinge als Grundvorraussetzung sehen:

Geduld und Durchhaltewille sind das wichtigste. Am Anfang jeden Reenactments steht ein langwieriger Lernprozess. Man muss die Kits regelrecht studieren, wie eine Fremdsprache, man muss sich stundenlang in die Tiefen des Internets einarbeiten um Referenzen zu finden, mit etwas Glück direkt Kontakte aufbauen, und das „Gear hunten“ macht gefühlt 90% des Hobbies aus. Selbst wenn man weiß, was man sucht, und es auch bezahlen kann, ist es teilweise echt schwer, bestimmte Dinge zu finden, besonders wenn sie nicht mehr neu erhältlich sind.

Zeit ist bei dem ganzen natürlich auch entscheidend.

Etwas Glück spielt sicherlich eine Rolle, sei es etwa bei der Frage, ob es einem gelingt, Kontakte zu anderen Reenactors oder gar den Vorbildern aufzubauen oder ob man günstig an Sachen kommt.

Letztlich ist natürlich auch der finanzielle Aspekt von Bedeutung, das lässt sich nicht abstreiten.

Airsoft News Channel: Für ein Kit, nehmen wir als Beispiel Devgru 2012 Red Squadron, wieviel müsste man dafür zahlen?
Latro: Das hängt von vielen Dingen ab. Etwa, ob man Repros nutzen will oder welche Artikel genau man möchte. Außerdem ist der Detailgrad entscheidend.
Mit viel Glück, Repros und einigen zugedrückten Augen könnten wir bei unter 1000 Euro sein, wenn auch nur knapp. Stellt man allerdings Mark Owens Kitbilder 1 zu 1 so originalgetreu wie möglich nach, sind wir locker beim Zehnfachen und zusätzlich einigem Aufwand und benötigten Connections.

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Airsoft News Channel: Woher nimmst du deine Kitlist und besonders deine Quellen und Referenzen?
Latro: Kitlists erarbeite ich ausschließlich selber, Basis dafür sind verschiedene Quellen:

Das wichtigste sind natürlich Bilder. Mittlerweile habe ich einige tausend auf der Festplatte, die meisten kenne ich mehr oder weniger auswendig. Außerdem kann man sich online Beschaffungslisten anschauen, und dort sehen, was die Einheit eingekauft hat. Aber Vorsicht: Das heißt nicht, dass es genutzt wird! Eventuell handelte es sich um einen Test, Ausrüstung für die Feinddarstellung während Trainings oder ähnliches. Letztlich gibt es eine gewisse Mund-zu-Mund-Propaganda, auch wenn ich da genau darauf achte, von wem die Infos stammen. Wenn es aber direkt von einem SEAL kommt, ist die Sache meist vertrauenswürdig.

Airsoft News Channel: Kann man deiner Meinung nach ein Reenactment nur mit Repros vollenden?
Latro: Ja! Und es ist mir sogar lieber als eine schlechte reprofreie Gear. Nicht jeder hat das Geld oder die Anprüche, sich Originalware zu kaufen, aber theoretisch könnte das jeder. Das macht das Kit zu nichts besonderem, die Liebe im Detail eines perfekten Kits hingegen ist die Kunst. Selbst wenn in der Kitlist das eine oder andere Sternchen steht.

Ein No-Go hingegen sind Replikate, denen man es ansieht. TMC, emerson, teilweise Flyye und co schreien geradezu danach und widersprechen damit wieder dem fehlerfreien Kit.
Das Hochladen von den Logos der neuen Crye-Hose oder ähnliches empfinde ich außerdem als absolut lächerlich. Und wär es nötig hat, überall herumzuschreien, dass er keine Repros nutzt, wird in der Szene sowieso maximal belächelt.

Außerdem sind Originale natürlich nötig, wenn man ein wirklich perfektes Kit machen möchte. Das ist allerdings eine Frage innerhalb der Reenactment-Szene, und nicht des Reenactments selbst.
Letztlich muss man allerdings sagen, dass man hier und da an Originalen nicht vorbeikommt. Vieles gibt es halt einfach nicht als Repro, oder die Repro ist fehlerhaft nachgebaut.

Airsoft News Channel: 6094, JPC oder CPC?
Latro: Eagle Industries MMAC!
Im Ernst, je nach Situation. JPC, wenn man kaum was mitnehmen muss, und sonst einen 6094. CPC, wenn ein hohes Maß an Tragekapazität und Schutz geboten ist.

Airsoft News Channel: Warum eigentlich US Navy SEAL und nicht US Army CAG, deutsches KSK oder polnischer GROM?
Latro: So richtig kann ich das nicht beantworten. Ich bin anfangs ja ohne viel Vorwissen reingerutscht und habe die Einheiten irgendwo „lieben gelernt“. Außerdem liegt da für mich ein erhöhter Reiz, da AOR Sachen im Gegensatz zu viel Zeug der anderen Einheiten nicht kommerziell erhältlich sind. Ob ich mich bei einem Neuanfang wieder für die SEALs entscheiden würde, weiß ich nicht. Ich denke allerdings nicht.

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Airsoft News Channel: Stehst du eigentlich auch hinter dem, was die Truppen machen?
Latro: Eine gute Frage. Für die Szene gesprochen: Ich kenne Menschen, die voll und ganz hinter alldem stehen, andere hingegen sehen einiges mehr als kritisch. Man muss da differenzieren, beim Reenactment geht es streng genommen nur darum, ein militärisches Kit aufzubauen. Aber allgemein ist denke ich eine gewisse Sympathie den Truppen gegenüber vorhanden.
Ich selbst stehe hinter den Soldaten selbst, nicht aber hinter allen militärischen Operationen, die sie ausführen (müssen). Natürlich gibt es bei hunderten SEALs auch einzelne, die mal Mist bauen, aber im großen und ganzen sehe ich keinen Grund, da eine Abneigung zu verspüren.

Airsoft News Channel: Als letzte Frage, würdest du dagen, dass sich ein Teil der Reenactor oft arrogant benehmen im Gegensatz zu normalen Airsoftspielern?
Latro: Irgendwo stimmt das sicherlich, und auch ich selbst benehme mich wohl manchmal wie ein Snob, allerdings kann man das schlecht verallgemeinern. Wenn mich jemand mit einer korrekt formulierten, spezifischen Frage angeschrieben hat und um Hilfe bat, und man merkte, dass er selbst bereits recherchiert hatte, habe ich nie jemanden abgewiesen. Wenn allerdings jemand vorgibt, ein BD zu machen, aber das einfach nicht stimmt und er sich damit als etwas aufführt, was er nicht ist, wird man leicht zum Gespött.

Das ist aber überall so denke ich. Stellt euch mal vor, ein unbekannter Musiker würde mit einem billigen, verstimmten Instrument auftreten, schlechte Musik spielen und sich selbst dann als den größten feiern wollen. Auch in dem Fall würde das zu einer Abneigung unter den „besseren“ Musikern führen, insbesondere, wenn der Kerl mit seiner schlechten Musik auch noch Erfolg verbuchen könnte.

Wir bedanken uns bei Latro für das Interview.

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